Dienstag, 25. Oktober 2011
"berry me"
Da sass ich. Lippenstift der Farbe "berry me", 10 Zentimeter Absätze an meinen Boots, Strümpfe, Minirock, Lederjacke und ein veganes Essen in meiner senfgelben Handtasche von Sofa Line.
Vor mir?
Leitfaden zur sprachlichen Gleichbehandlung von Mann und Frau.
An der Wandtafel?
Ein grinsender Lehrer mit hochgezogener Augenbraue und Karohemd.
"Bitte lest euch durch das gesamte Dossier."
Da sass ich; verwirrt, verängstigt und noch dazu völlig erschüttert. Wieso hatte mich niemand geweckt? Ich musste für längere Zeit geschlafen haben. Die Menschheit hatte es doch tatsächlich geschafft über ihren eigenen Schatten hinweg zu springen und alle relevanten Probleme wie Hunger, Armut und Terrorismus von der Erde zu vertreiben.
Und nun, endlich, wie ich gerne bemerken mochte, konnte sie sich mit den wirklich interessanten Dingen wie dem generischen Maskulinum und den Legaldefinitionen beschäftigen!
Mit rasendem Herzen las ich mich durch die Zeilen:

„Seit 1981 ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Bundesverfassung verankert. (Art.8 Abs. 3).“

Stimmt so. Ich erinnerte mich wage daran vor nicht all zu langer Zeit, den angesprochenen Satz an erwähntem Ort aufgefunden zu haben.

“ Bis heute gibt es jedoch Bereiche, in denen Frauen und Männer nicht gleichberechtigt sind. Es bedarf weiterer Anstrengungen, um die tatsächliche Gleichstellung in allen Lebensbereichen zu verwirklichen.“

Hab ich’s doch gewusst! Die Frau aus der Kantine gab den Jungs doch immer mehr Fleisch ab, als den Mädchen.

„Dazu gehört auch die Sprache.“

Wie wahr. Hier sprach mir jemand aus der Seele. Wusstet ihr, dass es im slowakischen kein allgemein gebräuchliches Wort für „Nutterich“, also eine sogenannte männliche Schlampe gibt?

Doch nun weiter zum Inhalt. Wie mir fortlaufend und wortwörtlich aus dem Dossier überliefert wurde, besteht die Menschheit doch tatsächlich aus Frauen und Männern. Auch meint man, dass das generische Maskulinum, die Präsenz von Frauen verschleiert und noch dazu die Frechheit besitzt ungenau zu sein!

Hierzu ein Beispiel:

"Alle Fussgänger sollen bei Rot stehen bleiben."

Dieser Satz sei politisch nicht korrekt, da er erstens die Existenz von Fussgängerinnen leugne und zweitens verursache, dass allfällige, doch existierende, Fussgängerinnen die Warnung nur auf männliche Fussgänger beziehen könnten und diese daher missachteten, was, wie wir alle wissen, zu schrecklichen Unfällen führen könnte und unausweichlicher Weise würde, falls wir nicht schleunigst etwas an unserem anmassenden, patriarchalischen Sprachgebrauch ändern sollten!

Ebenfalls habe ich in Erfahrung bringen können, dass ein gebildetes, emanzipertes Individuum einen Lehrer nur noch als Lehrkörper oder Lehrpersonal bezeichnet, da lediglich dies uns weiblichen Bürgerinnen gerecht werden kann.

Weiteres zulässliches Vokabular:

das Mitglied, das Präsidium, die Leitung, der Rat, etc.

Genervt strich ich den ironischen Unterton aus meinen Gedanken und liess demonstrativ meinen Kugelschreiber aufs Pult knallen. Wieso sollte sich jemand mit solch einem hirnrissigen Thema beschäftigen? Wieso nicht lieber neue Frauenhäuser gründen, Aufklärungsunterricht in dritt Weltländern leiten oder zumindest darauf achten, dass überkonservative Primarschullehrer unsere süssen Kleinen nicht in Schubladen stecken.
Sich an der Sprache zu schaffen machen, sie in ein schwerfälliges und kompliziertes Gebilde umzuwandeln, nur damit sich auch die Feministin in der hinteren Reihe auf die Schulter klopfen kann, ist doch dumm, ja sogar kontraproduktiv. Kein Mann würde uns Frauen jemals respektieren, sollten wir solchen Unsinn von ihm fordern. Das war schlicht lachhaft.
Kopfschüttelnd malte ich kleine Sternchen auf das Dossier, wobei mir auffiel, dass es sich bereits um die 4. Auflage handelte.
Meinem Lehrer musste dies aufgefallen sein und die äussert ähnlichen Reaktionen meiner Mitschüler ebenfalls, denn er schickte uns lachend einige Minuten früher in die Pause.


PS:Kleiner Tipp am Rande. Schlüpft in eure sündhaft teuren Lieblingsstilletos, tragt ein blumiges Kleid dazu und lasst eure langen Haare im Wind hinter euch her wehen. Seid doch froh darüber, dass nur ihr Frauen das könnt, ohne lächerlich dabei zu wirken und hört endlich damit auf krampfhaft jeden Tag Jeans und Pullis zu tragen, nur weil Jungs das auch tun.
Wartet doch lieber den Tag ab, an welchem Jungs sich für Miniröcke entscheiden, weil diese so positiv ihre schlanken, langen Beine betonen.


Hab euch lieb

Menelin

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