Dienstag, 15. November 2011
Tagtraum 2
menelin, 19:39h
Wir brachen in schallendes Gelächter aus, als die entsetze Stimme meiner Mutter uns erreichte.
„Sie kann doch nicht einfach so verschwunden sein!“, kreischte sie und stampfte über den Marmorboden in der Eingangshalle, „Wie kommt es, dass keiner ihrer Männer die Flucht meiner Tochter bemerkte?!“
Der Hauptman stammelte eine Entschuldigung, doch viel leiser, sodass wir seine genauen Worte nicht mehr verstehen konnten.
Genüsslich räkelte ich mich auf meinem Liegestuhl, während die gesamte Wachmannsbesatzung fieberhaft über unsern Hof marschierte und hoffte, meine Schwester zusammengekauert hinter einem Baum zu entdecken.
„Weist du wo sie ist?“ fragte Vater und liess seinen Blick interessiert über mein Gesicht streifen.
„Nein“, entgegnete ich und biss mir auf die Lippen. Vater fragte nicht weiter. Er musste es nicht. Alle wussten von Zayulis Geliebtem. Die Dienstmädchen, welche ihn Nachts ins Haus liessen, der Junge Wachmann, welcher Zayuli früher immer das Tor öffnete, bevor man ihn vom Nachtdienst abgezogen hatte und Vater, welcher nur selten schlief, da er seiner flüchtenden Tochter durchs Fenster nachschaute und am Fenster blieb, bis sie in der Morgendämmerung wieder ins Haus schlich.
Die Sonne stieg langsam über die Berge am Horizont, doch der Tau hielt sich hartnäckig an den Grashalmen und sammelte sich in den rosaroten Blüten der Kirschbäume zu kleinen Seen. Ein kalter Wind wehte über den Hof, so als wollte er an den kürzlich vergangenen Winter erinnern und zwang mich, meine Wolldecke enger um mich zu schlingen.
Das laute Vibrieren meines iPhones riss mich aus meiner Verträumtheit. Ich erstarrte. Zayulis Foto leuchtete über den Bildschirm, sodass auch Vater zweifellos klar sein musste, wer sich da in der morgendlichen Frühe meldete.
„Willst du nicht ran gehen?“
Er würde uns also schmoren lassen. Langsam führte ich das Telefon ans Ohr. „Hallo?“
„Dhaleen?“ Die Stimme meiner Schwester klang gebrochen, Schluchzer mischten sich unter ihre Worte, sodass er schwer war, zu verstehen, was sie eigentlich wollte. „Ist Daddy in der Nähe? Ich kann ihn auf seinem Handy nicht erreichen.“
„Er sitz hier neben mir“, erklärte ich, „Ich geb dir ihn.“
„Hier, für dich.“
Vater griff wortlos nach dem Telefon und legte sich den Hörer ans Ohr. Er atmete ein, um zu einer seiner langen Reden ansetzen zu können, doch Zayuli kam ihm wie immer zuvor. Dem Rauschen, welches sogar ich vernehmen konnte, zufolge, wollte ihr Redeschwall nicht abbrechen und Vaters Gesichtsfarbe glich sich unterdessen der verputzen Wand hinter ihm an.
Sanft umfasste ich die Finger meines Vaters, doch dieser wandte sich lediglich weiter von mir ab.
„Zayuli wo bist du?“
Stille.
„Wag es nicht!“
Wütend schmetterte er mein Handy gegen das marmorne Geländer, worauf dieses mit Krach daran zerschellte. Erschrocken sprang ich auf. Vater fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und atmete angestrengt die Luft ein. Sein ganzer, grosser Körper zitterte, als griffe die Kälte nach ihm, sodass ich nur mit Mühe den Wunsch, ihm meine eigene Decke überzuwerfen, unterdrückte.
„Dhaleen“, stotterte er, „Packt all eure Sachen und steht in einer halben Stunde vor der Tür bereit.“
„Wieso?“
In dem Moment verlor er auch den letzten Fetzen seiner Beherrschung. Der Blick meines Vaters wandelte sich von einer Sekunde zur anderen zu dem eines gejagten Tiers, seine Lippen verzogen sich zu einem verrückten Grinsen und seine Fingernägel bohrten sich so stark in die Lehnen des Liegestuhls, dass sie kleine sichelmondartige Abdrücke im weichen Birkenholz hinterliessen.
„Wir fliegen ins westliche Reich zu eurem Grossvater.“ Mehr sagte er nicht. Ruckartig erhob er sich von seinem Liegestuhl, marschierte ins Haus und liess mich in der Kälte zurück.
Erst der Klang des Frühlingsstimmen Walzers durchbrach die Stille. Schnell eilte ich in den Salon und erblickte schon fast entsetzt, wie Cirreaux und Vittorienne durch den Saal tanzten, während unser jüngster Bruder sie kritisch aus seinem Kindersitz betrachtete, vielleicht sogar in seiner kindlichen Intelligenz wertete.
„Ihr müsst sofort packen!“, schrie ich, um die Musik zu übertönen, „Vater sagte, ihr sollet in 30 Minuten flugbereit vor der Tür stehen. Wir reisen zu Grossvater.“
„Wieso?“, fragte Cirreaux überrascht und liess Vittorienns Hände los.
Wir hatten keine Zeit, um zu rätseln, alsp zuckte ich lediglich mit den Schultern und stürmte, wie Vater zuvor, aus dem Zimmer.
Die Stimmung im Auto war so dicht und bedrückend, dass ich das Gefühl, in Pudding zu ersticken, nicht von mir abstreifen konnte. Mutter wiegelte unseren jüngsten Bruder in ihren Armen, während dieser Schrie, als ginge die Welt unter. Er musste wohl schon damals etwas geahnt haben. Cirreaux lehnte ihren Kopf ans kalte Fenster und beobachtete die vorbeiziehenden Schatten. Ihre Augen waren weit aufgerissen, doch ausdruckslos, glichen zwei leeren Fenstern, die wie ein Spiegel alles zurückwarfen, was auf sie zukam.
Vittorienne hingegen schloss die Augen, steckte ihre Kopfhörer ein und kuschelte sich in ihren Trenchcoat. Wie immer hatte sie sich schnell in die Situation eingefügt und gestaltete sie so angenehm für sich selbst, wie nur möglich.
Vater sass hinter dem Steuer, was einer ungeheuren Seltenheit gleich kam, denn normalerweise gehörte es unserem Stand an, sich von einem Fahrer herumkutschieren zu lassen. Man hätte sagen können, dass es zu unseren Pflichten gehörte, sich von einem Fahrer in der Gegend herumkutschieren zu lassen.
Der Tachometer hatte die 160er Grenze schon längst überschritten, sodass der Motor deutlich zu hören war. Mein Magen verselbstständigte sich und ich fühlte, wie dessen Inhalt langsam meine Speiseröhre hochwanderte. Vorsichtshalber konzentrierte ich mich auf meine Füsse und mied jeglichen Blick aus dem Fenster, doch auch so war die fürchterliche Geschwindigkeit noch deutlich spürbar.
Ein plötzlicher Schauer durchfuhr meinen Körper und trieb mir die Angst bis tief ins Herz. Verwirrt blickte ich um mich, doch in unserer Nähe konnte ich keine Bedrohung entdecken.
„Cirreaux?“ Vorsichtig berührte ich den Arm meiner grossen Schwester, welche sich fragend an mich wandte.
Ich lehnte mich zu ihr rüber, sodass sie meine Stimme auch im Flüsterton verstehen konnte.
„Hast du das gespürt?“
Sie nickte.
Kaum war der Motor aus, sprang ich aus dem Wagen und hätte am liebsten den Boden geküsst, wäre meine schreckliche Vorahnung mir nicht im Wege gestanden. So schnell ich konnte öffnete ich die Kofferluke, griff nach dem erstbesten Gepäck und schleifte dieses über den Flugplatz in Richtung unseres kleinen Familienflugzeuges. Cirreaux reagierte ähnlich. Einer der Piloten eilte auf mich zu, um mir das Gepäck abzunehmen, doch ich schlug diesen ab und deutete mit dem Kinn auf die noch im Kofferraum liegenden Taschen. Zu meinem Erstaunen korrigierte heute niemand mein unhöfliches Betragen.
Immer noch in Eile schmiss ich den Koffer vor die erste Sitzreihe und machte mich gerade daran wieder aus dem Flugzeug zu steigen, um weitere Gepäckstücke zu holen, als ich die drei schwarzen Wagen, welche mit Höchstgeschwindigkeit über den Flugplatz auf uns zurasten, erblickte.
„Daddy!“ Mein Schrei durchschnitt die kalte Luft.
Die Wagen umzingelten das Flugzeug. Meine Mutter drückte das Baby an ihren Körper und versteckte dessen Gesicht an ihrer Brust. Vater stellte sich unterdessen schützend vor Vittorienne, welche sich an seinen linken Arm klammerte.
Die Wagentüren öffneten sich. Männer in grauen Anzügen stiegen aus den Wagen. Allesamt sahen sie aus, wie Bodyguards aus klischeehaften Filmen. Sie waren gross wie Schränke und hielten ihre Gesichter bewusst emotionslos. Zwei davon richteten ihre Pistolen auf unseren Vater und gingen vorsichtig auf ihn zu.
Vater schmiss seine eigene Waffe zum Zeichen der totalen Resignation auf den Boden. Man packte ihn und Vittorienne, führte sie in den Wagen und schlug laut die Türen zu.
Weitere Männer packten Mutter, welche sich nicht wehrte, um das Baby nicht zu verletzen. Cirreaux zückte ihr Handy und zertrümmerte es mit dem Absatz ihrer Stilletos, noch bevor auch sie in den Wagen verschleppt wurde.
Reflexartig tat ich es ihr gleich, wartete jedoch nicht tatenlos darauf, mir Handschellen anlegen zu lassen. Mich selbst überraschend, schmiss ich einem grauhaarigen, doch hochgewachsenen Mann meine hochhackigen Schuhe ins Gesicht und rannte los. Vergebens, wie sich bald herausstellte. Auf der anderen Seite des Flugzeugs hatten sich weitere Männer positioniert. Mit einem Aufschrei landete ich direkt in ihren Armen. Unkoordiniert schlug ich um mich und hoffte dabei möglichst viel Schaden anzurichten, bis auch ich zu Mutter, Leonin und Cirreaux in den Wagen gesteckt wurde. Cirreaux und ich löcherten die Männer mit stolzen, hasserfüllten Blicken. Mutter spähte wie eine wilde Katze umher und sondierte alles, dass Leonin hätte gefährlich werden können.
Ein wenig wütend, jedoch überwiegend verzweifelt, hämmerte ich auf das, uns von den Fahrern absondernde, Plexiglas. „Was wollt ihr überhaupt mit uns?!“ Hitze stieg in meine Ohren.
Unbeeindruckt, wie sie waren, drehten sie sich nicht mal nach uns um. Sie fuhren los und ich fühlte, wie mein Herz gegen meine Brustwand hämmerte.
Niemand von uns wusste, was los war, denn Vater hatte es uns bis zum Schluss nicht verraten. Ein grosser Fehler.
Die Tatsache, dass die Fahrt dieses Mal in gemässigtem Tempo stattfand, konnte ich nicht würdigen, denn sie erschien mir auch so viel zu kurz.
Man führte uns über einen grossen Platz mit fröhlich plätscherndem Springbrunnen, welcher nun in meinen Ohren klang, als lachte er mir ins Gesicht, in ein grosses Gebäude aus gräulich schimmerndem Marmor, welches ich nur dank der metallischen Überschrift, als Gornsche Botschaft identifizieren konnte.
Die Männer gingen nun äusserst sanft mit uns um, jedenfalls mit den von uns, die sich widerstandslos führen liessen.
„Sieh Mama!“ Ein kleines Mädchen in einem veilchenvioletten Kleidchen deutete mit ihrer kleinen Hand auf uns. „Das sind zwei Prinzessinnen aus Belavo! Siehst du Mama? Siehst du?“
„Sei ruhig Mischa!“
Die Mutter errötete, wie eine überreife Tomate und griff das Mädchen an der Hand, um es anschliessend in die entgegengesetzte Richtung zu ziehen. Zu ihrem eigenen Schaden liess die Kleine sich nicht von ihrer Mutter ruhig stellen und fuchtelte mit beiden Händen in der Luft herum.
„Wieso tragen sie denn Handschellen?“ Ihre Stimme war immer noch deutlich zu hören. Ein jüngerer Mann löste sich aus der Gruppe unserer Entführer und eilte bestimmten Schrittes den beiden nach.
Kaum hatten wir das pompöse Gebäude betreten, drehte sich auch der Grauhaarige, ältere Mann nach aussen und stapfte wieder aus dem Gebäude.
Uns schloss man in einen Salon in der obersten Etage. Sie nahmen unsere Handschellen ab, servierte Kaffee, Tee und brachten Pralinen, Kuchen und Früchte aller Farben und Formen. Ich versuchte gar nicht erst zu widerstehen, denn ich wollte meinen Körper keinem Hunger ausstellen, doch Mutter und Cirreaux warfen mir strenge Blicke zu und schüttelten enttäuscht ihre Köpfe jedes Mal, wenn sie sich von mir unbeobachtet fühlten. Ich rollte lediglich die Augen.
Man liess uns warten. Sie lachten uns aus und trampelten unsere Ehre mit ihren dreckigen Füssen, in dem sie eine übergrosse eichene Uhr ins Zimmer stellten. Cirreaux tigerte im Zimmer herum und warf immer wieder wütende Blicke zu etlichen Türen, die aus dem Raum führten.
Die Sonne warf bereits ein orangerötliches Licht auf die Dächer der umliegenden Häuser. Wir sahen sie nicht, denn wir befanden uns auf der östlich gelegenen Seite des Gebäudes. Auch der dichte Verkehr auf der Strasse, deutete darauf hin, dass wir uns gerade in der abendlichen Stosszeit befanden. Die Zeit zog sich, denn das laute Ticken der Uhr erinnerte uns an jede verstrichene Sekunde. Wir wussten nicht wieso wir hier waren. Wir wussten nicht, wie lange wir hier sein würden und vor allem wussten wir nicht, wieso man Vater und Vittorienne nicht an denselben skurrilen Ort geführt hatte wie uns.
Erst als die Uhr Punkt sieben schlug, öffnete sich die Seitliche Tür in den Salon. Ein hochgewachsener Mann in Uniform eines Gornschen Würdenträgers betrat den Raum. Er war allein.
„Sie kann doch nicht einfach so verschwunden sein!“, kreischte sie und stampfte über den Marmorboden in der Eingangshalle, „Wie kommt es, dass keiner ihrer Männer die Flucht meiner Tochter bemerkte?!“
Der Hauptman stammelte eine Entschuldigung, doch viel leiser, sodass wir seine genauen Worte nicht mehr verstehen konnten.
Genüsslich räkelte ich mich auf meinem Liegestuhl, während die gesamte Wachmannsbesatzung fieberhaft über unsern Hof marschierte und hoffte, meine Schwester zusammengekauert hinter einem Baum zu entdecken.
„Weist du wo sie ist?“ fragte Vater und liess seinen Blick interessiert über mein Gesicht streifen.
„Nein“, entgegnete ich und biss mir auf die Lippen. Vater fragte nicht weiter. Er musste es nicht. Alle wussten von Zayulis Geliebtem. Die Dienstmädchen, welche ihn Nachts ins Haus liessen, der Junge Wachmann, welcher Zayuli früher immer das Tor öffnete, bevor man ihn vom Nachtdienst abgezogen hatte und Vater, welcher nur selten schlief, da er seiner flüchtenden Tochter durchs Fenster nachschaute und am Fenster blieb, bis sie in der Morgendämmerung wieder ins Haus schlich.
Die Sonne stieg langsam über die Berge am Horizont, doch der Tau hielt sich hartnäckig an den Grashalmen und sammelte sich in den rosaroten Blüten der Kirschbäume zu kleinen Seen. Ein kalter Wind wehte über den Hof, so als wollte er an den kürzlich vergangenen Winter erinnern und zwang mich, meine Wolldecke enger um mich zu schlingen.
Das laute Vibrieren meines iPhones riss mich aus meiner Verträumtheit. Ich erstarrte. Zayulis Foto leuchtete über den Bildschirm, sodass auch Vater zweifellos klar sein musste, wer sich da in der morgendlichen Frühe meldete.
„Willst du nicht ran gehen?“
Er würde uns also schmoren lassen. Langsam führte ich das Telefon ans Ohr. „Hallo?“
„Dhaleen?“ Die Stimme meiner Schwester klang gebrochen, Schluchzer mischten sich unter ihre Worte, sodass er schwer war, zu verstehen, was sie eigentlich wollte. „Ist Daddy in der Nähe? Ich kann ihn auf seinem Handy nicht erreichen.“
„Er sitz hier neben mir“, erklärte ich, „Ich geb dir ihn.“
„Hier, für dich.“
Vater griff wortlos nach dem Telefon und legte sich den Hörer ans Ohr. Er atmete ein, um zu einer seiner langen Reden ansetzen zu können, doch Zayuli kam ihm wie immer zuvor. Dem Rauschen, welches sogar ich vernehmen konnte, zufolge, wollte ihr Redeschwall nicht abbrechen und Vaters Gesichtsfarbe glich sich unterdessen der verputzen Wand hinter ihm an.
Sanft umfasste ich die Finger meines Vaters, doch dieser wandte sich lediglich weiter von mir ab.
„Zayuli wo bist du?“
Stille.
„Wag es nicht!“
Wütend schmetterte er mein Handy gegen das marmorne Geländer, worauf dieses mit Krach daran zerschellte. Erschrocken sprang ich auf. Vater fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und atmete angestrengt die Luft ein. Sein ganzer, grosser Körper zitterte, als griffe die Kälte nach ihm, sodass ich nur mit Mühe den Wunsch, ihm meine eigene Decke überzuwerfen, unterdrückte.
„Dhaleen“, stotterte er, „Packt all eure Sachen und steht in einer halben Stunde vor der Tür bereit.“
„Wieso?“
In dem Moment verlor er auch den letzten Fetzen seiner Beherrschung. Der Blick meines Vaters wandelte sich von einer Sekunde zur anderen zu dem eines gejagten Tiers, seine Lippen verzogen sich zu einem verrückten Grinsen und seine Fingernägel bohrten sich so stark in die Lehnen des Liegestuhls, dass sie kleine sichelmondartige Abdrücke im weichen Birkenholz hinterliessen.
„Wir fliegen ins westliche Reich zu eurem Grossvater.“ Mehr sagte er nicht. Ruckartig erhob er sich von seinem Liegestuhl, marschierte ins Haus und liess mich in der Kälte zurück.
Erst der Klang des Frühlingsstimmen Walzers durchbrach die Stille. Schnell eilte ich in den Salon und erblickte schon fast entsetzt, wie Cirreaux und Vittorienne durch den Saal tanzten, während unser jüngster Bruder sie kritisch aus seinem Kindersitz betrachtete, vielleicht sogar in seiner kindlichen Intelligenz wertete.
„Ihr müsst sofort packen!“, schrie ich, um die Musik zu übertönen, „Vater sagte, ihr sollet in 30 Minuten flugbereit vor der Tür stehen. Wir reisen zu Grossvater.“
„Wieso?“, fragte Cirreaux überrascht und liess Vittorienns Hände los.
Wir hatten keine Zeit, um zu rätseln, alsp zuckte ich lediglich mit den Schultern und stürmte, wie Vater zuvor, aus dem Zimmer.
Die Stimmung im Auto war so dicht und bedrückend, dass ich das Gefühl, in Pudding zu ersticken, nicht von mir abstreifen konnte. Mutter wiegelte unseren jüngsten Bruder in ihren Armen, während dieser Schrie, als ginge die Welt unter. Er musste wohl schon damals etwas geahnt haben. Cirreaux lehnte ihren Kopf ans kalte Fenster und beobachtete die vorbeiziehenden Schatten. Ihre Augen waren weit aufgerissen, doch ausdruckslos, glichen zwei leeren Fenstern, die wie ein Spiegel alles zurückwarfen, was auf sie zukam.
Vittorienne hingegen schloss die Augen, steckte ihre Kopfhörer ein und kuschelte sich in ihren Trenchcoat. Wie immer hatte sie sich schnell in die Situation eingefügt und gestaltete sie so angenehm für sich selbst, wie nur möglich.
Vater sass hinter dem Steuer, was einer ungeheuren Seltenheit gleich kam, denn normalerweise gehörte es unserem Stand an, sich von einem Fahrer herumkutschieren zu lassen. Man hätte sagen können, dass es zu unseren Pflichten gehörte, sich von einem Fahrer in der Gegend herumkutschieren zu lassen.
Der Tachometer hatte die 160er Grenze schon längst überschritten, sodass der Motor deutlich zu hören war. Mein Magen verselbstständigte sich und ich fühlte, wie dessen Inhalt langsam meine Speiseröhre hochwanderte. Vorsichtshalber konzentrierte ich mich auf meine Füsse und mied jeglichen Blick aus dem Fenster, doch auch so war die fürchterliche Geschwindigkeit noch deutlich spürbar.
Ein plötzlicher Schauer durchfuhr meinen Körper und trieb mir die Angst bis tief ins Herz. Verwirrt blickte ich um mich, doch in unserer Nähe konnte ich keine Bedrohung entdecken.
„Cirreaux?“ Vorsichtig berührte ich den Arm meiner grossen Schwester, welche sich fragend an mich wandte.
Ich lehnte mich zu ihr rüber, sodass sie meine Stimme auch im Flüsterton verstehen konnte.
„Hast du das gespürt?“
Sie nickte.
Kaum war der Motor aus, sprang ich aus dem Wagen und hätte am liebsten den Boden geküsst, wäre meine schreckliche Vorahnung mir nicht im Wege gestanden. So schnell ich konnte öffnete ich die Kofferluke, griff nach dem erstbesten Gepäck und schleifte dieses über den Flugplatz in Richtung unseres kleinen Familienflugzeuges. Cirreaux reagierte ähnlich. Einer der Piloten eilte auf mich zu, um mir das Gepäck abzunehmen, doch ich schlug diesen ab und deutete mit dem Kinn auf die noch im Kofferraum liegenden Taschen. Zu meinem Erstaunen korrigierte heute niemand mein unhöfliches Betragen.
Immer noch in Eile schmiss ich den Koffer vor die erste Sitzreihe und machte mich gerade daran wieder aus dem Flugzeug zu steigen, um weitere Gepäckstücke zu holen, als ich die drei schwarzen Wagen, welche mit Höchstgeschwindigkeit über den Flugplatz auf uns zurasten, erblickte.
„Daddy!“ Mein Schrei durchschnitt die kalte Luft.
Die Wagen umzingelten das Flugzeug. Meine Mutter drückte das Baby an ihren Körper und versteckte dessen Gesicht an ihrer Brust. Vater stellte sich unterdessen schützend vor Vittorienne, welche sich an seinen linken Arm klammerte.
Die Wagentüren öffneten sich. Männer in grauen Anzügen stiegen aus den Wagen. Allesamt sahen sie aus, wie Bodyguards aus klischeehaften Filmen. Sie waren gross wie Schränke und hielten ihre Gesichter bewusst emotionslos. Zwei davon richteten ihre Pistolen auf unseren Vater und gingen vorsichtig auf ihn zu.
Vater schmiss seine eigene Waffe zum Zeichen der totalen Resignation auf den Boden. Man packte ihn und Vittorienne, führte sie in den Wagen und schlug laut die Türen zu.
Weitere Männer packten Mutter, welche sich nicht wehrte, um das Baby nicht zu verletzen. Cirreaux zückte ihr Handy und zertrümmerte es mit dem Absatz ihrer Stilletos, noch bevor auch sie in den Wagen verschleppt wurde.
Reflexartig tat ich es ihr gleich, wartete jedoch nicht tatenlos darauf, mir Handschellen anlegen zu lassen. Mich selbst überraschend, schmiss ich einem grauhaarigen, doch hochgewachsenen Mann meine hochhackigen Schuhe ins Gesicht und rannte los. Vergebens, wie sich bald herausstellte. Auf der anderen Seite des Flugzeugs hatten sich weitere Männer positioniert. Mit einem Aufschrei landete ich direkt in ihren Armen. Unkoordiniert schlug ich um mich und hoffte dabei möglichst viel Schaden anzurichten, bis auch ich zu Mutter, Leonin und Cirreaux in den Wagen gesteckt wurde. Cirreaux und ich löcherten die Männer mit stolzen, hasserfüllten Blicken. Mutter spähte wie eine wilde Katze umher und sondierte alles, dass Leonin hätte gefährlich werden können.
Ein wenig wütend, jedoch überwiegend verzweifelt, hämmerte ich auf das, uns von den Fahrern absondernde, Plexiglas. „Was wollt ihr überhaupt mit uns?!“ Hitze stieg in meine Ohren.
Unbeeindruckt, wie sie waren, drehten sie sich nicht mal nach uns um. Sie fuhren los und ich fühlte, wie mein Herz gegen meine Brustwand hämmerte.
Niemand von uns wusste, was los war, denn Vater hatte es uns bis zum Schluss nicht verraten. Ein grosser Fehler.
Die Tatsache, dass die Fahrt dieses Mal in gemässigtem Tempo stattfand, konnte ich nicht würdigen, denn sie erschien mir auch so viel zu kurz.
Man führte uns über einen grossen Platz mit fröhlich plätscherndem Springbrunnen, welcher nun in meinen Ohren klang, als lachte er mir ins Gesicht, in ein grosses Gebäude aus gräulich schimmerndem Marmor, welches ich nur dank der metallischen Überschrift, als Gornsche Botschaft identifizieren konnte.
Die Männer gingen nun äusserst sanft mit uns um, jedenfalls mit den von uns, die sich widerstandslos führen liessen.
„Sieh Mama!“ Ein kleines Mädchen in einem veilchenvioletten Kleidchen deutete mit ihrer kleinen Hand auf uns. „Das sind zwei Prinzessinnen aus Belavo! Siehst du Mama? Siehst du?“
„Sei ruhig Mischa!“
Die Mutter errötete, wie eine überreife Tomate und griff das Mädchen an der Hand, um es anschliessend in die entgegengesetzte Richtung zu ziehen. Zu ihrem eigenen Schaden liess die Kleine sich nicht von ihrer Mutter ruhig stellen und fuchtelte mit beiden Händen in der Luft herum.
„Wieso tragen sie denn Handschellen?“ Ihre Stimme war immer noch deutlich zu hören. Ein jüngerer Mann löste sich aus der Gruppe unserer Entführer und eilte bestimmten Schrittes den beiden nach.
Kaum hatten wir das pompöse Gebäude betreten, drehte sich auch der Grauhaarige, ältere Mann nach aussen und stapfte wieder aus dem Gebäude.
Uns schloss man in einen Salon in der obersten Etage. Sie nahmen unsere Handschellen ab, servierte Kaffee, Tee und brachten Pralinen, Kuchen und Früchte aller Farben und Formen. Ich versuchte gar nicht erst zu widerstehen, denn ich wollte meinen Körper keinem Hunger ausstellen, doch Mutter und Cirreaux warfen mir strenge Blicke zu und schüttelten enttäuscht ihre Köpfe jedes Mal, wenn sie sich von mir unbeobachtet fühlten. Ich rollte lediglich die Augen.
Man liess uns warten. Sie lachten uns aus und trampelten unsere Ehre mit ihren dreckigen Füssen, in dem sie eine übergrosse eichene Uhr ins Zimmer stellten. Cirreaux tigerte im Zimmer herum und warf immer wieder wütende Blicke zu etlichen Türen, die aus dem Raum führten.
Die Sonne warf bereits ein orangerötliches Licht auf die Dächer der umliegenden Häuser. Wir sahen sie nicht, denn wir befanden uns auf der östlich gelegenen Seite des Gebäudes. Auch der dichte Verkehr auf der Strasse, deutete darauf hin, dass wir uns gerade in der abendlichen Stosszeit befanden. Die Zeit zog sich, denn das laute Ticken der Uhr erinnerte uns an jede verstrichene Sekunde. Wir wussten nicht wieso wir hier waren. Wir wussten nicht, wie lange wir hier sein würden und vor allem wussten wir nicht, wieso man Vater und Vittorienne nicht an denselben skurrilen Ort geführt hatte wie uns.
Erst als die Uhr Punkt sieben schlug, öffnete sich die Seitliche Tür in den Salon. Ein hochgewachsener Mann in Uniform eines Gornschen Würdenträgers betrat den Raum. Er war allein.
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